Texte & Essays

Giardino

Die grüne Tür schneidet sich dunkel in das helle Mauerwerk.
Ein bronzener Löwenkopf mit Ring zum Anklopfen.
Kein Name, keine Klingel, nur ein Schlüsselloch.
Da öffnet sich langsam die Tür:
eine Einladung, ein Märchenspiel?

Ich trete ein und stehe vor einem grünen Bild.
Die Tür schließt sich.
Aus einer Rasenfläche steigt Blattwerk, Ranken, Sträucher.
Farbige Tupfer in Pink, Violett, Rosa,
der holzige Stamm einer Bougainville,
Licht in den transparenten Blütenblättern.
Zwei Steinfiguren bewahren die Vergangenheit.
Rechts und links ein Bambuswald,
das Zittern der lanzettförmigen Blätter im Wind,
ein Hauch von Kühle.
In der Luft das Rauschen eines Wasserspieles,
kein Vogelgesang.
Später das Signal eines Schiffes,
entferntes Geschrei von Möwen, Zeichen der Außenwelt.

Ich stehe unter dem gewölbten Dach eines Baumes,
ein japanischer Sonnenschirm.
Paradiesisch der große Granatapfelbaum, seine Früchte
schimmern zartrosa auf perlmuttfarbener Haut,
glänzendes Grün der Blätter.
Ein Laubengang mit schattigen Plätzen,
entlang der Mauer, Tische und Bänke.
Wildes Rankenwerk,
am äußersten Rand weiß blühende Wolkenbüsche.

Das Bild wartet auf Gäste, Bewegung, Stimmen, Farben,
auf das Rauschen von Stoff,
poröses Gewebe, Goldfaden,
Spiegelung in den aufgestickten Pailletten.
Nachts auch Fackeln, Masken, verhüllte Gesichter,
seidene Handschuhe, das Aufschlagen von Fächern.
Musik setzt ein,
Monteverdi, Albinoni, Vivaldi, die Luft füllt sich mit Tönen.
Spielleute musizieren sich aus der Dunkelheit.
Eine Aufforderung zum Tanz, ich nehme sie an.

Terrazza

Die weißen Marmortreppen
fächern sich hinauf,
bilden eine Spirale.
Ich gehe in ihr wie in einem Gehäuse,
am Ende der Muschel
schiebt sich eine Terrasse heraus.
An ihren hölzernen Pfeilern ist
das Panorama befestigt,
aus ihm fließt das Wasser,
hell glitzernd und
teilt sich in zwei Kanäle.
Vaporetti, Gondeln, Frachtschiffe
bewegen sich
als Spielzeug zwischen den Bildrändern,
- das Leben steuert sie.
Als Segel spannt sich der Himmel darüber,
mittig schwebt
eine untergehende Sonne.
In weichen, auseinander fließenden Bändern
setzt sich Rosa fest.
Aus den Wolkenkanten wachsen
graue, filigrane Pflanzengebilde.
Die Farben vertiefen sich,
Sonnengelb mischt sich unter,
das Rot wird dunkler,
brennt
und wirft sich als Flamme
über die Kulisse der Stadt.

Venedig 2015