Biografie

Mit dieser Figur beginnt die Geschichte, gezeichnet von einem 4-jährigen Kind, Sibylle Matthes – ein Selbstbildnis. Aus der Linie, dem Strich wächst die Leidenschaft für Materialien, für das Ausschneiden von Bildern, Sammeln von Papier, Nähen mit Stoffresten, für das Bauen von Puppenstuben aus Schuhkartons; aus Drähten werden Tiere geformt und mit farbigem Bast umwickelt.

Den Kinderschuhen entwachsen, ach, vielleicht schon erwachsen, wird das Mädchen zur Buchhändlerin in Erlangen, lernt Typografie in einem der ältesten deutschen Verlage in Stuttgart als Werbeassistentin, doch schnell geht es weiter nach München zur Galerie Dorothea Leonhart, wo sich Hundertwasser und die englische Pop-Elite treffen.

Dann wird das Leben „antiquarisch“. Für den Inhalt und die Ästhetik alter Bücher gestaltet sie schöne Kataloge, die Stationen des Antiquariates Sibylle Kaldewey sind München und Düsseldorf. Einkaufsreisen führen nach New York und die Stadt verführt sie durch Dynamik, Architektur und Lebensweise. Es folgen daraus zehn amerikanische Jahre am Central Park West und viele Reisen durchs Land auf der Suche nach Auktionsmaterial für Hauswedell & Nolte in Hamburg. Zur Erholung belegt sie Abendkurse an der Parson School of Design.

Das Kind, inzwischen Frau, erinnert sich, schreibt in den Nächten, mit Blick Richtung Hudson River, auf einer IBM-Kugelkopf-Schreibmaschine. Der Text „Andere Orte“ skizziert ihr Leben im ständigen Wechsel zwischen Amerika und Europa. Aus der Ferne wird ihr die Stärke Europas bewusst, die unzerstörbaren Fäden im Gewebe der Kulturen. Sie kehrt dorthin zurück, nach Berlin, die Mauer war gefallen.

Turbulente Jahre, eine Ladengalerie mit Papieredition, Workshops, Tischdekoration. Illustrative und graphische Arbeiten. Es folgen die Jahre der Weihnachtsbäume für die Berliner Philharmonie, das Deutsche Historische Museum, BP in Hamburg und Dresden. Sie stattet mit hunderten von Rosen, Lilien und Hyazinthen Feste aus. Die Inszenierung von Räumen. Das Kind liebte Wiesenblumen, mischte sie zum Strauß.

Zurück zum Kunsthandel, gleichzeitig entstehen die Postkarten-Zeichnungen und die Figurinen. Miniatur-Couture aus Karton, eingekleidet in Stoffreste, Stickereien, Pailletten aus St.Gallen, kombiniert mit japanischen Papieren, die Gesichter dazu mit Tuschfeder individuell gezeichnet – es läuft die erste Modenschau, Applaus.

In dieser Bewegtheit aus Erinnerung und Gegenwart entsteht über Jahre das Buch „Auf einer Wellenlänge. Rovinj Venedig Wien Berlin“. Jugoslawien, Italien, Österreich, Deutschland – eine europäische Geschichte. Das Kind, das Mädchen, Silvie Koralle, übernimmt darin die Stimme der Vergangenheit.

Publikationen

30 Antiquariatskataloge zur Buchkunst des 20. Jahrhunderts 1975-1982

Glassplitter. Sechs Kurzgeschichten. Privatdruck. New York 1988

Der Forscher. Privatdruck in 50 Exemplaren. New York 1988

Glassplitter Zwei. Sieben Kurzgeschichten. Privatdruck. New York 1989

Ellen Auerbach. Fotografien 1933-1959. Prolog. Galerie Sander, New York 1993

Hochzeits-Tagebuch für Braut und Bräutigam. Text und Illustration.
Verlag für Standesamtswesen, Frankfurt Main 1998

Anselm Spring, Mythos Schwan. Fünf Essays. Frederking & Thaler, München 1998

Karl Kemp, The world of Biedermeier. Dekoration im Charlottenburger Schloss.
Thames & Hudson, New York 2001

Exploring never stops – Caspar Wolf gewidmet. Ausstellungskatalog. Kunsthandel Wolfgang Werner, Berlin 2012

Auf einer Wellenlänge. Rovinj Venedig Wien Berlin. Unterwegs mit Silvie Koralle.
BoD, Norderstedt 2017, 2. aktualisierte Auflage, Norderstedt 2018